Handwerk und Gesellschaft | Kreishandwerkerschaft Warendorf-Steinfurt

Jana im Handwerk

jana@work: Kreishandwerkerschaft goes Youtube

Nein, wir von der Kreishandwerkerschaft Steinfurt-Warendorf sind nicht verrückt geworden. Nur, weil wir gerade eine nette, sympathische Vloggerin in die passende Arbeitskleidung stecken und in den unterschiedlichsten Handwerksbetrieben zum Praktikum schicken – um sie dann vor laufender Kamera über ihre ganz persönliche Begegnung mit der Arbeitswelt quatschen lassen!

Ich gebe zu: Das Projekt jana@work mag ungewöhnlich verspielt erscheinen. Eine sogenannte Influencerin via Youtube zu ihrem jungen Publikum über Praktika im Handwerk berichten zu lassen?! Für uns als Kreishandwerkerschaft aber ist es alles andere als ein Spiel, sondern ein unabdingbarer Schritt in eine neue Zeit.

Warum? Schon lange bekommen viele unserer Handwerksbetriebe zu spüren, was Fachkräftemangel und Nachwuchssorgen bedeuten. Wie aber junge Menschen fürs Handwerk begeistern, wenn man sie auf den herkömmlichen Kommunikationskanälen kaum mehr erreichen kann. Ausbildungsbörsen? – Kaum ein Schüler traut sich doch wirklich, den Firmenchef höchst persönlich anzusprechen! Stellenanzeigen? – Wer unter 30 liest die denn bitteschön?

Machen wir uns nichts vor: Wer Jugendliche antreffen möchte, der muss sich im Netz tummeln. Und zwar auf den Kanälen, auf denen sich junge Menschen bewegen. Und einer der ganz wichtigen von ihnen ist nun einmal Youtube. Die Bitkom-Studie von 2017 zu den digitalen Nutzungsgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen stellt fest: 68 Prozent aller Zehn- bis 18-Jährigen nutzt Youtube – je älter, umso mehr. Jeder zweite der Zehn- bis Elfjährigen und drei Viertel aller 16- bis 18-Jährigen bewegen sich dort regelmäßig.

Das mag man jetzt gut oder schlecht finden, Fakt aber bleibt: Wir vom Handwerk müssen da sein, wo unsere Fachkräfte von morgen zu finden sind. Dabei packen wir mit jana@work ganz bestimmt keine große Informationskeule aus. Vielmehr geht es darum, Neugier zu wecken, Lust zu machen, sich einmal in einer Branche auszuprobieren, die ich als Jugendlicher womöglich gar nicht auf dem Zettel hatte.

Dabei hat unsere Protagonistin Leuten wie mir gegenüber einen Riesenvorteil: Sie spricht auf Augenhöhe mit unserer Zielgruppe. Wenn Jana in den Videos Spaß am Schrauben hat, dann kommt das wesentlich authentischer herüber, als wenn ein Erwachsener über die Vor- und Nachteile eines Berufs informiert. Youtuber oder Influencer besitzen bei Jugendlichen eine hohe Glaubwürdigkeit. Es fehlt der Altersunterschied, dafür nehmen sie ihre Videos in ihren Kinder- und Jugendzimmern auf und sind somit in dem gleichen Umfeld, genauso wie die jungen Follower am anderen Ende der digitalen Welt. Sie drehen Filme über einen Alltag, der dem jedes Heranwachsenden ähnelt und bespielen die relevanten Themen der Zielgruppe.

Als Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft weiß ich auch, dass es mehr braucht als ein schmissiges Video mit einer jungen Blondine, um die Nachwuchsprobleme im Handwerk zu lösen. Doch die Filme können Hemmschwellen abbauen, das Handwerk modern darstellen und Vorurteile vor einer Berufsausbildung nehmen. Ich wette darum, dass der ein oder andere Zuschauer neugierig wird und ein Praktikum im Handwerk in Erwägung zieht.

Ich bin mir aber auch der Schattenseiten und Grenzen digitaler sozialer Netzwerke bewusst. Schließlich bedeutet Mediennutzung nicht automatisch auch Medienkompetenz. Wer Filme anschaut, weiß noch lange nicht, wie sie arbeiten und was sie mit ihren Zuschauern machen. Und auch die Aufnahmefähigkeit der User und Follower hat ihre Grenzen. Das Netz ist atemberaubend schnelllebig und die tägliche Informationsflut überfordert jeden normalen Menschen.

In dieser Gemengelage bleibt uns nur eines: Auf Augenhöhe mit einer jungen Netzgemeinde in Kontakt zu treten – und ihr gleichzeitig seriöses und sinnvolles Material anzubieten. Bei allem Spaßfaktor, den jana@work ganz bestimmt hat: Die Videos zeigen durchaus ein realistisches Bild vom Alltag in den Betrieben. Das sollen sie auch, wohlwissend, dass es solche und solche Tage gibt, aber auch aus eigener Erfahrung kann ich sagen, eine Berufsausbildung macht auch im echten Leben Spaß und ist der Grundstein für einen tollen Start in das Berufsleben!

Ihr
Frank Tischner

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