Verbohrtes Elternhirn

Während bei uns in Nordrhein-Westfalen viele die Sommerferien genießen, demonstrieren in Frankfurt aktuell besorgte Eltern dagegen, dass ihre Kinder, die ein Gymnasium besuchen, sich nach den Ferien einen Gebäudekomplex mit Schülerinnen und Schülern einer dortigen Berufsschule teilen sollen. Kurz zum Hintergrund: Da die Berufsschule dringend saniert werden muss, wurden ihr Räumlichkeiten in dem Gebäudekomplex angeboten, der aktuell nur zu Teilen belegt ist und den bereits zwei Gymnasien nutzen. Genauer nachlesen können Sie das Ganze in der FAZ: https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/streit-um-schulgebaeude-in-frankfurt-eltern-haben-angst-vor-berufsschuelern-110599498.html

Also nochmal: Eltern wehren sich dagegen, dass ihre Kinder sich künftig ein Gebäude bzw. einen Schulhof mit Berufsschülern teilen sollen. Eine Mutter hat eine Onlinepetition gestartet, es gab Beschwerdebriefe und sogar eine Demonstration. Man befürchtet, dass sich die Nähe der Berufsschule negativ auf das pädagogische Konzept der Gymnasien auswirken könne und die Berufsschüler einen schlechten Einfluss auf die jüngeren Gymnasiasten haben könnten. Bitte was?!

Dieses muss man echt erst einmal sacken und auf sich wirken lassen.

Eine Petition, Beschwerdebriefe und Demonstrationen sind in meinen Augen Ausdruck einer unglaublich großen Arroganz und ein Schlag ins Gesicht für alle, die eine andere Schulform wählen bzw. sich wie in diesem konkreten Fall für eine Ausbildung entscheiden. Entweder haben diese Eltern selbst nie eine Ausbildung genossen oder sie sind in ihrer Lehrzeit dermaßen über die Stränge geschlagen, dass sie heutigen Berufsschulschülern zutrauen, eine Gefahr für jüngere Schüler darzustellen. Anders kann ich mir solche untragbaren Vorbehalte gegen Berufsschüler nicht erklären.

Zur Klarstellung: Wir reden über Schülerinnen und Schüler einer Berufsschule für Gesundheits- und Verkehrsberufe – nicht über verurteilte Straftäter. Übrigens: An jedem Gymnasium treffen zehnjährige Sextaner auf achtzehnjährige Oberstufenschüler. Wird hier von den Eltern nicht die Gefahr gesehen, dass erwachsene Verhaltensweisen der Älteren negative Auswirkungen auf die jüngeren Schüler haben könnten?

Da tut mir die Schulleitung eines der beiden Gymnasien, der bei den Eltern für Verständnis wirbt, schon leid. Wo es keinen gesunden Menschenverstand gibt, existiert wohl auch kein Verständnis für alle um einen selbst herum. Die Leidtragenden sind in jedem Fall Schülerinnen und Schüler. Auf der einen Seite die Gymnasiasten, weil sie durch ihre Eltern eine solche Weltfremdheit überhaupt erst vorgelebt bekommen. Was sagen wohl diese Eltern zu ihren Kindern, sollten sie sich in einigen Jahren für eine Ausbildung im Handwerk interessieren? Und auf der anderen Seite sind es die Berufsschüler, über die auf eine Art und Weise gesprochen und geschrieben wird, als sei allein ihre Anwesenheit eine Gefahr für andere. Dabei handelt es sich hier um junge Menschen, die sich für eine Ausbildung entschieden haben. Die ein Ziel für ihre berufliche Zukunft vor Augen haben. Die sich mit ihrem Können in einigen Jahren für andere Menschen und damit für unsere Gesellschaft einbringen werden, als medizinische Fachangestellte, wie wir sie in Praxen und Krankenhäusern dringend benötigen und als Kaufleute in Speditionen oder Verkehrsunternehmen, wo sie einen Beitrag dazu leisten, dass Personen und Waren gut an ihr Ziel gelangen. Wie sehr kann man junge Menschen eigentlich demotivieren und welcher innere Kompass ist uns hier eigentlich abhandengekommen, frage ich mich.

Noch schlimmer aus meiner Sicht ist jedoch die Tatsache, dass sich der Leiter der Berufsschule öffentlich rechtfertigt und betont, dass seine Berufsschüler in bedeutsamen Berufsfeldern wie der Gesundheitsbranche, der Logistik oder dem Verkehr arbeiten. O-Ton seinerseits: „Wir sind ein ganz normaler Teil der Gesellschaft und stärken die Wirtschaft“ – es ist so traurig, dass solche Sätze überhaupt gesagt werden müssen. Sind wir echt so weit gekommen?

Denken wir das doch mal weiter. Wenn man sich nicht mal ein Gebäude teilen kann, sollte es dann demnächst in öffentlichen Verkehrsmitteln ausgewiesene Bereiche für jüngere Schüler und Berufsschulschüler geben? Dürfen beide Gruppen dieselbe S-Bahn oder den Bus auf dem Weg zur Schule und wieder nach Hause nutzen? Heißt das in der Konsequenz also irgendwann ein Wohnviertel für Arbeiter und eines für Akademiker? Wie realitätsfremd kann man eigentlich sein?!

An diesem traurigen Beispiel wird wieder einmal deutlich, welchen Stellenwert eine Berufsausbildung in unserer Gesellschaft immer noch hat. Das Problem sind nicht Berufsschüler, die einen vermeintlich schlechten Einfluss auf jüngere Menschen haben könnten. Das Problem sind die Vorurteile in den Köpfen der Menschen – hier: Eltern, die es eigentlich besser wissen sollten. Erwachsene Menschen, die ihren Kindern mit solch einem Verhalten doch schon in frühen Jahren beibringen, dass Berufsschule und damit eine duale Ausbildung nicht gleichzusetzen sind mit einem Gymnasium und einer sich anschließenden akademischen Ausbildung.

Ich werde nicht müde, seit Jahren die Durchlässigkeit unseres deutschen Bildungssystems zu betonen. Aber durch so manch verbohrtes Elternhirn kommt offensichtlich gar nichts mehr durch. Kommen nach den Helikoptereltern und Rasenmähereltern jetzt die Verbohrt-Eltern?

Ihr

Frank Tischner