
Auf einer Wellenlänge
Die Eisbachwelle in München, die Flutwelle im Ahrtal und Bodenwellen im münsterschen Radwegenetz haben eines gemeinsam. Lassen Sie mich kurz ausholen:
Zu einer Welle der Entrüstung führte jüngst die nicht mehr vorhandene Eisbachwelle in München. Weltberühmt unter Surfern und zum echten Touristenmagnet geworden, war sie nach der Trockenlegung des Bachbettes im vergangenen Jahr plötzlich verschwunden. Zunächst wollten alle gemeinsam die Welle wiederbeleben, doch gesurft wird im Eisbach heute nicht mehr. Offenbar hat die Stadt München mit ihrem städtischen Klima- und Umweltschutzreferat es dem Surf Club München und der Interessensgemeinschaft Surfen sowie weiteren Freunden der Eisbachwelle so schwer gemacht, dass diese ihren Antrag zurückgezogen haben, mit einer dreiteiligen Rampe und mehreren Kubikmetern Kies die Welle künstlich wiederherzustellen. Verständlich, denn die Antragsteller sollten nicht nur die Kosten, sondern unter anderem auch die komplette Haftung übernehmen und eine Rufbereitschaft organisieren, falls am Eisbach etwas passieren sollte. Die Stadt München habe zudem technische Nachweise eingefordert, wie sie sonst im Brückenbau üblich seien, war den Medien zu entnehmen. Dass die Wellen-Regeneration funktionieren kann, haben Unbekannte kurz vor Weihnachten mit einem an einer Kette befestigten Holzbalken bewiesen. Drei Tage lang war die Eisbachwelle wieder da, ehe die Stadt München die Konstruktion wieder entfernen ließ. Einfach machen? So einfach offensichtlich nicht. Mir ist es jedenfalls unbegreiflich, wie eine Stadt, die so einen weltbekannten Surfspot im englischen Garten hat, sich nicht mit vollem Einsatz darum kümmert und nicht in der Lage ist, dieses Wahrzeichen wiederzubeleben. Wer sich für die Olympischen Sommerspiele bewirbt und als sportliche Gastgeberstadt neue Maßstäbe setzen möchte, der sollte doch auch eine kleine Welle hinbekommen und nicht die große Welle machen. Ich fühle mit dem Surf Club, der die behördliche Auflagenpraxis der Stadt kritisiert: „Formal wird eine Genehmigung nicht ausgeschlossen. Faktisch wird sie unmöglich gemacht“, lassen sie sich in den Medien zitieren. Vom „Einfach mal machen“ haben wir uns in Deutschland komplett verabschiedet.
Spätestens jetzt ist Ihnen klar, worauf ich mit diesem Blogbeitrag zu Beginn des Jahres hinauswill: Das leidige Thema der Bürokratie. Und leider ist auch die verheerende Flutwelle im Ahrtal ein Beispiel dafür, dass wir es einfach nicht hinbekommen, weil wir es uns selbst schwer machen. Ich war vergangenes Jahr mit einer Handwerksdelegation zu Besuch im Ahrtal und habe es mit eigenen Augen gesehen und mir von Verantwortlichen erklären lassen: Vier Jahre nach der Katastrophe fährt man dort immer noch über Behelfsbrücken vom THW. Es fehlt nicht an Geld. Nein, die Mittel sind da, wurden alle bewilligt. Die Politik versprach auf höchster Ebene immer wieder unbürokratisch zu helfen, doch was passierte? Bauanträge liegen ein Jahr, ehe sie bearbeitet werden, geschweige denn vor Ort wirklich handwerklich gearbeitet werden kann. Wir bremsen uns und unsere Wirtschaft aus, die verantwortlichen Ministerien sind selbst machtlos.
Bremsen müssen auch Radfahrende in Münster häufig, wenn die Bordsteinkante vom Radweg auf die Straße wieder einmal zu hoch ist, um in voller Fahrt weiter in die Pedale zu treten. Ich persönlich feiere den oder die Unbekannten, der es immer wieder schafft, solche Unebenheiten im Radwegenetz mit einer pragmatischen Schaufel Teer auszugleichen. Dank dieser gut platzierten Bodenwellen kommen Radfahrerinnen und Radfahrer in Münster leichter voran. Doch was macht die Stadt Münster? Sie lässt die illegal angebrachten Übergänge wieder entfernen. Aus Haftungsgründen. Statt sich als weltweit ausgezeichnete fahrradfreundliche Stadt auf dem Platz 7 auszuruhen, könnte man sich hier doch einfach mal ein Beispiel nehmen, wie es besser gehen könnte.
Unser Wohlstand entsteht nicht durch Regulierung, sondern nur durch Arbeit und Wirtschaften und vor allem durch Personen, die Verantwortung übernehmen. Wir haben mittlerweile ein System erschaffen, das komplett aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wir treiben die Kosten des Faktors Arbeit immer weiter nach oben, während gleichzeitig Steuern und Abgaben so hoch sind, dass sich Leistung für Qualifizierte immer weniger lohnt. Zu wenig Netto vom Brutto, zu viel Regulierung, zu wenig Perspektive, das ist die aktuelle Realität in Deutschland. Wenn wir nicht langsam umdenken, dann wird diese Welle immer größer und uns eines Tages überrollen. Damit das nicht passiert, wünsche ich uns allen für das neue Jahr und mit Blick auf die Sozialstaatsreform und viele andere Bereiche eine Monsterwelle der Entbürokratisierung.
Sind wir dabei auf einer Wellenlänge?
Ihr
Frank Tischner

