Gesellinnenbrief

Die Kreishandwerkerschaft Steinfurt Warendorf führt einen Gesellinnenbrief ein. „Warum das?“ werden Sie angesichts dieser Nachricht möglicherweise fragen und gedanklich vielleicht hinzufügen: „Haben wir keine anderen Probleme?“.

Die Antwort ist einfach. Natürlich und zweifelslos haben wir andere und auch wichtigere Probleme. In der Welt, in Europa, in Deutschland, in Nordrhein-Westfalen und auch in unserer Kreishandwerkerschaft Steinfurt Warendorf. Die anhaltenden Kriege und weltpolitischen Krisen, die breitbeinige Irrationalität führender Politiker und Machthaber (an dieser Stelle wird bewusst nur die männliche Form gewählt), sicherheitspolitische Herausforderungen in Europa, dringend notwendige Reformen an so vielen Stellen, dass wir keine Reformen bräuchten, sondern ein kompletter Neustart die bessere Alternative ist. Eine immer noch bleibende marode Infrastruktur trotz milliardenschwerem Sondervermögen, eine nachlassende Bereitschaft, Ehrenämter innerhalb und außerhalb der Handwerksorganisation zu übernehmen und nicht zuletzt auch die trotz bemerkenswerter Steigerungen, immer noch zu fehlende Gleichbehandlung der akademischen und beruflichen Bildung. Alles das gilt es anzugehen – auf europäischer Ebene, in Bund, Land, Kreisen, Städten und Gemeinden und natürlich bei uns im Handwerk. Und dann noch ein Gesellinnenbrief?

Ja, unbedingt! Denn der Gesellinnenbrief, der zukünftig nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung in der Kreishandwerkerschaft Steinfurt Warendorf an Handwerkerinnen vergeben werden wird, ist ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung. Ein sichtbares „Willkommen“ – übrigens ganz ohne Sprachverrenkungen wie Gendersternchen, Glottisschlag oder „Binnen-I“. Und eine Anerkennung eines sehr erfreulichen Wandels. Denn Frauen sind – anders als vielleicht noch vor wenigen Jahrzehnten – heute nicht mehr wegzudenken aus dem Handwerk. Ganz egal, ob als (Mit-)Unternehmerin, als Meisterin, Gesellin oder Auszubildende leisten sie in vielen Unternehmen auch in der heimischen Region entscheidende Beiträge zum wirtschaftlichen Erfolg und zur Zukunftssicherung der „Wirtschaftsmacht von nebenan“.

Lassen Sie uns gerne mal an die eigene Nase fassen und nicht immer nur mit dem Finger auf andere zeigen. Der Paragraf zur Haushaltsführung wurde im Jahr 1977 komplett neu gefasst. Seitdem regeln Ehepaare die Arbeit und den Haushalt gemeinsam im gegenseitigen Einvernehmen, womit das einseitige Bestimmungsrecht des Mannes endete. Ja, Sie lesen richtig. Noch vor 50 Jahren hat der Mann allein darüber entschieden, ob seine Frau arbeiten darf oder nicht. Auch deshalb ist der „Gesellinnenbrief“ für uns nicht Zuckerguss einer beliebigen Marketingmaßnahme, sondern vielmehr ist diese Einführung unser eigenständiger Ausdruck an der Stelle etwas zu ändern, was aus unserer Sicht geändert werden muss.

Wenn dann noch klar ist, dass die Unterscheidung zwischen dem Aufdruck „Gesellinnenbrief“ und „Gesellenbrief“ nach den ohnehin in dem EDV-System der Handwerksorganisationen vorhandenen Daten automatisch erfolgt und kein zusätzlicher Aufwand nötig ist, bin ich überzeugt, dass der Gesellinnenbrief als Ergänzung zum Gesellenbrief ein richtiger und auch wichtiger Schritt ist, auch wenn er die oben angesprochenen großen Probleme nicht löst. Diese Probleme würden aber auch nicht gelöst, wenn wir den Frauen im Handwerk diese Form der Wertschätzung nicht zukommen lassen würden. Daher, meine sehr geehrten Damen und natürlich auch Herren, freuen wir uns gemeinsam auf viele neue Gesellinnen und somit auf weitere tolle Frauen im Handwerk, die eine starke Zukunft für den schönsten Wirtschaftsbereich der Welt leidenschaftlich mitgestalten.

Ihr

Frank Tischner