Handwerk mit Abi? Aber sicher doch!

Haben Sie beim Lesen der Überschrift gerade gedacht: „Jetzt spinnt der Tischner aber! Handwerk und Abitur, das weiß doch jeder, wie wenig das zusammenpasst!“ Allen Kritikern zum Trotz möchte ich an dieser Stelle sagen: Weit gefehlt! Denn Handwerk und Abi brauchen einander: Das Handwerk die Abiturienten – und, ja, auch die Abiturienten das Handwerk! Leider wissen das viele Akteure beider Seiten (noch) nicht.

„Abiturienten? Die sind nach der Lehre doch eh wieder weg“ – diesen Satz habe ich schon oft von Chefs aus Handwerksunternehmen gehört. Zwei Dinge könnte ich dann jedes Mal lauthals rufen. Erstens: „Wer sagt das?!“ Und zweitens: „Ja und?!“

Was ich mit erstens und zweiten meine: Wer sagt eigentlich, dass es der Abiturientin oder dem Abiturienten nicht in meiner Firma gefällt, sie oder er tatsächlich mein Handwerk mag und darin eine Lebensaufgabe findet? Wer sagt eigentlich, dass die Absolventen von Haupt-, Real-, Sekundar- oder Gesamtschulen mit dem Gesellenbrief in der Tasche automatisch in meinem Unternehmen bleiben? Und: Genauso, wie Unternehmen handwerklich begabte Schüler mit Hauptschulabschluss und mittlerer Reife brauchen, benötigen sie auch Menschen mit höheren Schulabschlüssen in ihren Reihen. Denn angesichts von Digitalisierung und technischem Wandel haben Betriebe langfristig bessere Perspektiven, wenn Menschen mit unterschiedlichen praktischen und theoretischen Sichtweisen und Lösungsansätzen zum Zuge kommen.

Vor diesem Hintergrund ist es dringend an der Zeit, dass sich Handwerksbetriebe attraktiv machen für junge Menschen mit höherer Schulbildung. Praxistaugliche Kombinationen von Beruf und Studium, Auslandsaufenthalte für Azubis oder innerbetriebliche Förderprogramme sind Schritte in die richtige Richtung.

Die Lebenserfahrung zeigt: Viele junge Menschen verlassen zum Studium zwar ihre Heimatregion. Nicht wenige kommen in einer späteren Lebensphase aber gern zurück, nicht zuletzt, weil heimatliche Bindungen eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf versprechen. Wenn die Verbindung zu Ex-Azubis durch Ferienjobs oder persönliche Kontakte über die Jahre nicht abreißt, mag womöglich mancher – gegebenenfalls in anderer Funktion – zu seinen Wurzeln zurückkehren. Eine andere Alternative und Appell wäre auch das Angebot eines Dualen Studiengangs, ebenfalls eine Möglichkeit, jungen Menschen an die Region zu binden.

Wie aber Ausbildungsplätze mit Höherqualifizierten besetzen, wenn nicht einmal die Abgänger mit mittleren Schulabschlüssen an ihnen interessiert sind? Stimmt! Das ist ein Riesen-Problem. Und genau hier liegt ein enormes Risiko – für „Die Wirtschaftsmacht. Von nebenan.“ wie für den gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland. Die Duale Berufsausbildung hat bei Schülern, Eltern und Lehrern leider keinen guten Stand.

Seit langem beobachten wir einen Trend zu höheren schulischen Bildungsabschlüssen und zur Akademisierung der Gesellschaft – mit negativen Folgen für Mensch und Wirtschaft gleichermaßen. Gestiegener Leistungsdruck statt das Ausprobieren eigener Interessen und Fähigkeiten, das Vorbei-Studieren an den Bedarfen der Wirtschaft, endlose Schulbesuche ohne echte Perspektive auf der einen Seite. Fachkräftemangel und drängende Personalnot auf der anderen Seite.

Gott sei Dank mehren sich die Stimmen in der Politik, die die Bedeutung der beruflichen Bildung für den Wirtschaftsstandort Deutschland erkannt haben. Vor ein paar Tagen hatte ich dankenswerter Weise Gelegenheit, mit einem Impulsvortrag an einem Werkstattgespräch der CDU-Fraktion im NRW-Landtag teilzunehmen. Thema „Fachkräfte sichern – Weichen für eine nachhaltige Wachstumsdynamik stellen“. Meine Forderung an die Politik lautete: Verleihen Sie der Dualen Berufsausbildung endlich den Stellenwert, den sie verdient hat. Zum Beispiel mit einer besseren finanziellen Förderung von Berufskollegs und handwerklichen Bildungszentren.

Vielleicht trägt ein Umdenken in der Politik ja auch dazu bei, dass Schüler, Eltern und Lehrer wieder einen realistischen Blick auf die Chancen und Möglichkeiten einer Berufsausbildung bekommen.

Denn Umdenken müssen auch sie:

Die Schüler, die meinen, eine Berufsausbildung sei doch nur etwas für die Schwächsten des Bildungssystems. Dabei hat mir manch ein Akademiker schon anvertraut, dass er mit dem Wissen von heute seine Laufbahn nicht unbedingt mit einem Studium starten würde. Mancher bedauert, dass er einst so achtlos an der Chance auf vielfältige inner- und überbetriebliche Weiterbildungsmöglichkeiten vorbeigegangen ist (die, nebenbei bemerkt, in der Regel vom Arbeitgeber finanziert werden!)

Die Eltern, die natürlich für ihre Kinder im das „Beste‟ wollen, aber oft keinen blassen Schimmer davon haben, welche Möglichkeiten sich jungen und begabten Menschen mit einem Gesellenbrief in der Tasche eröffnen! Und, wer definiert denn, was „das Beste‟ ist? Kann dieses nicht auch eine Ausbildung sein? Diese ist keine Endstation, sondern der Auftakt zu einem Berufsleben voller Chancen!

Und natürlich die Lehrer! Fragen Sie mal einen Gymnasiallehrer nach den Verdienstmöglichkeiten und Aufstiegsperspektiven nach einer Berufsausbildung im Vergleich zum Bachelor-Studium, geschweige denn nach Anforderungen, die modernste technische Anwendungen heutzutage an junge Handwerker stellen. Viele Lehrkräfte kennen die Wirtschaft gar nicht, vor allem nicht die Vor- und Nachteile der einzelnen Berufe.

Ich meine, dass vor allem die Gymnasien gut daran täten, ihren Blick zu weiten auch auf berufliche Bildungsmöglichkeiten. Machen wir uns nichts vor: Nach einer Prognose verfügen bis zum Jahr 2028 bis zu 80 Prozent aller Schulabgänger über die allgemeine Hochschulreife. Mal ehrlich: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie am Ende alle in akademischen Berufen Lohn und Brot finden. Vielmehr müssen wir einen Matching-Prozess hinbekommen, dass Betriebe die jungen Leute finden, die sie benötigen und die zu ihnen passen. Und junge Menschen die berufliche Perspektive, die sie durch ihr Leben trägt.

Über ausreichend wirtschaftliche Power verfügt das Handwerk allemal. Wie heißt es so schön in der aktuellen Image-Kampagne des Handwerks: „Wir betreiben 760 Mal so viele Filialen wie McDonalds, machen 4 Mal so viel Umsatz wie VW und besitzen mehr Patente als Apple. Und das Beste: Trotzdem erreichen Sie den Chef immer persönlich.‟

Ich bin überzeugt: Mit diesen Pfunden kann das Handwerk wuchern!

Ihr

Frank Tischner

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